Geburtspraktiken

Als (werdende) Mutter und Vater im Krankenhaus sind Sie Klienten gegenüber Ärzten, Hebammen und sonstigen medizinischem Personal. Als Klienten können Sie die Kompetenzen, den Rat und die Hilfestellung annehmen, haben aber die Möglichkeit, frei zu wählen und zu entscheiden, welchen medizinischen (Routine)Maßnahmen Sie sich oder Ihr Baby unterziehen. Um eine gute Entscheidung treffen zu können, ist es notwendig, dass Sie alle Informationen haben. Idealerweise sind Sie sich im vorhinein schon im klaren, was Sie wollen und was nicht! Bei Unklarheiten empfiehlt es sich, zumindest eine weitere, unabhängige Fachmeinung einzuholen, z.B. von einer erfahrenen (freiberuflichen) Hebamme oder einer anderen ÄrztIn!

Allgemein übliche Routinemaßnahmen gehen nicht auf die Individualität des Einzelnen ein. Deshalb ist es nötig, sich genauer damit auseinanderzusetzen, um zu wissen, ob dies oder jenes für mich oder mein Baby geeignet und notwendig ist. Hier ein paar Beispiele:

Sie haben die Möglichkeit, diese Maßnahmen abzulehnen!
Flach am Rücken liegen für die Geburt, Rasur der Schamhaare, Einlauf
Dammschnitt, Dauerüberwachung durch medizinische Apparate (z.B. CTG)
künstliche Einleitung der Wehen, häufige vaginale Untersuchungen
rasches Abtrennen der Nabelschnur
Absaugen von Mund, Nase, Rachen, Lunge
Wegtragen des Neugeborenen durch das Personal
Augentropfen für das Neugeborene
PKU-Fersentest für das Neugeborene
häufiges Fiebermessen, Vitamin D und Vitamin K Verabreichung
und vieles mehr…(siehe unten)

Sie haben die Möglichkeit, eigene Wünsche zu äußern!
Sie bringen Ihre eigene Hebamme mit ins Spital.
Sie wollen keine fremden Personen anwesend, während Sie gebären!
Sie wollen sich bewegen, die Positionen verändern, das Baby im Wasser auf die Welt bringen,…
Sie wünschen sich einen zuvorkommenden und freundlichen Umgangston.
Die Nabelschnur soll auspulsieren und erst nach 20 bis 30 min durchtrennt werden.
Ihr Baby soll nicht ohne Ihr Wissen und ohne Ihre Zustimmung mit Pulvermilch (Ersatznahrung) gefüttert werden.
Sie wollen Ihr Baby ausschließlich und nach Bedarf stillen! Sie möchten sich nicht an irgendeine Zeitstruktur halten müssen!
Ihr Baby soll die gesamte Zeit bei Ihnen im Bett schlafen dürfen (Bedding-In) und nicht ins Säuglingszimmer verlegt werden!
und vieles mehr…(siehe unten)

 

1. Schädliche Geburtspraktiken

Praktiken, die eindeutig schädigen oder ineffektiv sind und die abgeschafft werden sollten

  • Routinemäßige Gabe von Einläufen
  • Routinemäßige Rasur der Schambehaarung
  • Routinemäßiger Gebrauch intravenöser Infusionsflüssigkeiten während der Wehentätigkeit
  • Routinemäßige Insertion eines intravenösen Zugangs während der Geburt
  • Routinemäßiger Gebrauch der Rückenlage während Wehentätigkeit
  • Rektale Untersuchung
  • Durchführung röntgenologischer Beckenvermessungen
  • Gabe von Oxitozin vor der Geburt in einer Weise, die ihre Wirkung unkontrollierbar macht
  • Angeleitete gezielte Preßmanöver in der Austreibungsperiode (Valsalva-Manöver oder forciertes Pressen)

 

Praktiken, die häufig inadäquat angewandt werden

  • Beschränkung von Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme während der Geburt
  • Schmerzbekämpfung durch systemische Analgetika
  • Schmerzbekämpfung durch Peridual-Anästhesie
  • Elektronische Überwachung des Feten durch CTG
  • Benutzung steriler Überziehmäntel und Mundschutzes während der Geburt
  • Wiederholte oder häufige vaginale Untersuchungen, insbesondere wenn sie durch mehr als eine Betreuungsperson durchgeführt werden
  • Wehenbeschleunigung mit Oxitozin
  • Routinemäßig durchgeführte Verlegung der Schwangeren in einen anderen Raum zu Beginn der Austreibungsphase
  • Blasenkatheterisierung
  • Anleitung der Frau zum Pressen, wenn der Muttermund als vollständig oder fast vollständig diagnostoziert wurde, bevor die Frau selbst einen Preßdrang verspürt
  • Rigides Beharren auf einer festgelegten Dauer der Austreibungsperide, wie zB eine Stunde, wenn der mütterliche und fetale Allgemeinzustand gut sind und ein Geburtsfortschritt abzusehen ist
  • Vaginal-operative Entbindungen
  • Freizügige oder routinemäßige Durchführung von Episiotomien (Dammschnitte)

 

2. Förderliche Geburtspraktiken

Praktiken, die erwiesenermaßen nützlich sind und deren Anwendung empfohlen wird

  • Erstellung eines Geburtsplans, welcher festlegt, wo und von wem betreut die Geburt stattfinden soll. Dieses sollte während der Schwangerschaft geschehen, dem Partner – und wenn angebracht – auch der Familie bekannt sein
  • Individuelle Risikoeinschätzung insbesondere beim Erstkontakt mit der Betreuungsperson, sowie regelmäßige Revision während jedem weiteren Kontakt in Schwangerschaft und Geburt
  • Sicherstellung des physischen und emotionellen Wohlbefindens der Frau während Wehentätigkeit und Geburt und bis zum Abschluß des Geburtsvorgangs.
  • Anbieten oraler Flüssigkeitsaufnahme während Wehentätigkeit und Geburt.
  • Respektierung selbstbestimmter Wahl des Geburtsortes.
  • Schaffung von Voraussetzungen zur Wehen- und Geburtsbetreuung in einem möglichst wohnortnahen Bereich der Frau, der für die Geburt geeignet ist, und an dem sich die Frau sicher fühlt und Vertrauen entwickeln kann.
  • Wahrung der Intimsphäre der Frau.
  • Emphatische Unterstützung durch Betreuende während Wehentätigkeit und Geburt.
  • Akzeptanz der Wahl der Frau bezüglich ihrer Begleitpersonen während Wehentätigkeit und Geburt.
  • Angebot nicht invasiver, nicht-pharmazeutischer Methoden der Schmerzlinderung während der Wehentätigkeit (zB Massage und Entspannungstechniken)
  • Fetale Überwachung durch intermittierende Auskultation (Hörrohr oder Dopton)
  • Freie Wahl der Position und beliebiger Positionswechsel während Wehentätigkeit und Geburt. Ermutigung zur Wahl einer Gebärposition alternativ zur Rückenlage.
  • Frühzeitiger Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Mutter und Kind, Förderung der Stillbeziehung innerhalb der ersten Stunde p.p. in Übereinstimmung mit den WHO-Still-Richtlinien.

(Quelle: Texte zur Maieutik, EWIM – European Workgroup of Independant Midwives, Verlag Edition Phoenix Shanti/2000)